Resonanz by Lilian Frei

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Andrea Marioni. “Artist’s portrait as roulette players”

Zeitgeist! Wer spielt gewinnt oder verliert. So ist es in der Kunst und auch im Leben. Marioni begeistert uns im Spiel bei einer Liveübertragung am Roulette. Mit dem Publikum reist er in die Zahlenwelt der Mathematik und Magie. Ist es Zufall, Schicksal, Glück oder Know-how? Mit Glücksspiel kann ich das Wort „Zeitgeist“, das Marioni viel bringt, nicht richtig verbinden. Will er damit sagen, dass Glück die richtige Zahl zur richtigen Zeit ist? Nur einer ist verliert an diesem Abend. Die Besucher und Besucherinnen machen ohne Risiko begeistert mit.

kollektiv hamster brennt. “Keuchende Insekten”

Die Endlichkeit liegt vor uns. Zwei Frauen umarmen sich und gehen unterschiedliche Wege. Sie sind sich jedoch einig, es geht hier um mehr als leben und sterben. Eine Mücke ist keine Fliege und eine Spinne keine Biene. Alle sind dem Tode geweiht. Auch wenn der Wettlauf dazwischen bewusst macht, dass “einem Kind das Licht schenken“ nicht von Gott bestimmt ist und alle Fragen, welche die Frau wie ein Mantra singt, unbeantwortet bleiben.

Die andere Frau schaufelt das Grad für die kleinen Insekten, die uns geschenkt und in unseren Händen zu Grabe getragen werden. Der Atem dazwischen ist das ganze Leben, denke ich. Demut und Würde sind Worte die ich höre, als die ZuschauerInnen den Ort verlassen.

Sophie Germanier. “rowm nr. two” 

Sophie Germanier kommt frisch und fröhlich an den Treffpunkt. Sie begleitet uns an den Waldrand. Hier könnt ihr euch hinsetzen und bleiben, betont sie. Dem Erdenwurm widmet sie ihren Tanz. Ihr Kleid wurde speziell geschneidert um dem Wurm gerecht zu werden. „Here and not here“, erklärt sie uns am Anfang ihrer Hommage. Der Tanz beginnt langsam. Die Bewegungen in Zeitlupe sind verzögert und minimal. Ich bin verzaubert. Ihre Haut und ihr Kleid schimmern durch die schlanken Bäume hindurch. Sie bewegt sich von uns weg, stehend, kriechend, liegend, verschwindet und kommt wieder. Wie ein Erdenwurm eben.

Zorica Zafirovska – “Tea and togetherness talks”

Workshop: Tee und kleine Süssigkieten. Drei Tische voll mit Fragen. Es geht um Räume im öffentlichen Raum und mehr. Crossing Point, consuming biodiversity! Wie ist es in deinem Land? Wer kann die Plätze nutzen? „Organic and public place can change you“ und „We can change the place, support local producers“ schreiben wir auf braunes Papier und schon sind wir intensiv am diskutieren. Die Künstlerin fordert uns auf, auch andere Tische zu besuchen. Die Zeit ist zu kurz. Es geht weiter zur nächsten Performance. Wieviel Raum braucht der Mensch? Louis meint „unser Körper das ist unser Raum“ – und „mehr ist Luxus“, ergänze ich.

Julija Castellucci – Sonic Stairs

In Spiralen kommt sie den Turm hinunter. Ihr Gesang – mal hörbar, mal verhalten im Echo. Plötzlich taucht sie auf wie eine Traumwandlerin, schwebt an uns vorbei und verführt uns mit bezaubernder Stimme. Das Gesicht dem Himmel zugewandt, scheint die Sängerin in Trance aufzugehen. Es sind Klagelieder oder kleine Gebete, welche liebevoll dem Nachmittag geschenkt werden. Unten angekommen schlendert die Stimme über den Park, wirft sich elegant ausgestreckt auf den Boden und wird hundertfach fotografiert.

Red de Tamboreras de Suiza. “Me gritaron negra”„Sie schrien mich schwarz an“

Sechs Frauen und eine Siebte trommeln den feministischen Schlag und singen. Sich einfach mal hingeben ohne wenn und aber. Wippen mit den Hüften und sich anstecken lassen von der Lebensfreude der Red de Tamboreras de Suiza. Die Leaderin kommt nach vorn: „soy negra, yo soy  negra, si soy negra!.“ Es ist die Betonung, die es ausmacht, denke ich. Der Chor singt mit, ich auch, berührt vom ansteckenden Frauenpower. In aller Leichtigkeit werden Themen vermittelt, die von Kummer und Leid getränkt sind und unter die Haut gehen. „E viva Victoria Santa Cruz!“

Ivana Mircevska – Humanoid synchronic happenstances

Wir sitzen alle in der grossen grünen Wiese. Spiegel – kleine, runde überall verstreut.

„Close your eyes, visible is the breath surface, mirror viewing in circle“. Die Performerin liest beim Gehen. Ein Helikopter stört die ganze Zeit. Er verwischt ihre Worte. Nur hie und da können wir 

einen ganzen Satz erahnen. Doch sind wir der vortragenden Frau ernsthaft zugewandt. Manchmal spiegelt der Spiegel das, was wir nicht sehen können. Dafür werden wir belohnt: Einige geschenkte Minuten des Innehaltens, des Ruhigwerdens. „Muss man immer alles verstehen?“, frage ich – und mein Nachbar nickt: „ja, das ging mir auch so“.

Elsbeth Carolin Iten developed with Dana Iova-Koga – “Generous Residing”

Eine Frau ganz in Weiss mit schwarzen Schuhen steht alleine im kleinen Wald. Sie hält einen geflochtenen Korb. Die ZuschauerInnen kommen von überall her. Es ist so, als hätte sie uns gerufen. Die Künstlerin verteilt schweigend und würdevoll edle Coverts mit Inhalt. Der Brief ist in schönen Lettern getippt. „Fühlt sich dieser Baum hier zuhause?“ Wir sind aufgefordert in die Stille zu gehen und dem, was wir sonst immer sehen, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Frau lockt mit einem Signal und lässt von weit her, wie aus der Erde kommend, eine fremde Stimme sprechen: „The ending arises …“.

Hristina Ivanoska – “Virginia Was Not Fun At All”

Sie trägt ein rosa Gewand, das locker auf ihrem Körper liegt und vier grosse Säcke hat. Diese füllt sie alle mit Steinen. Sie sieht aus wie eine Priesterin, die weiss, dass wir ihr folgen werden. Ihre Haare sind wild gelockt und unterstützen ihre Entschlossenheit. Sie hält ein dickes, von Hand geschriebenes Buch. „Wie Moses auf dem Berg Sinai“, denke ich. Wir folgen der Frau in grossen Schritten von da nach dort. Dann zum Fussballplatz! Mit den Steinen werden Symbole ausgelegt. Sie sitzt, steht und tanzt darin. „Internal voice can not be avoided“ höre ich zwischen den jaulenden Fussballspielern hindurch.

Saadet Türköz No title

Die Kameramänner richten die Kameras wie Kanonen auf Saadets Gesicht. Sie sucht die Begegnung und zischt mit teuflischen Lauten. Ein Ode an das Leben. Wir sind mit Saadet, tönen mit ihr, sitzend und liegend: „aaaaaaaaa, oooooooo“. Die Sängerin spielt mit ihrer Stimme eigenwilliges. Sie verführt uns, aus uns herauszukommen. Wir schlagen uns auf die Brust und trommeln, – was für eine Wohltat! „Traum!“ „Häutung!“ „Tod!“ „Ich liebe deine Hand, die das Brot gebacken hat“, sagt Saadet am Boden angekommen. Es sind dies ihre letzten Worte an diesem Abend und es war die letzte Performance an diesem langen Tag.

English version

Andrea Marioni. “Artist’s portrait as roulette players”

Zeitgeist! Whoever plays wins or loses. That’s how it is in art and in life. Marioni enthralls us in a game during a live broadcast at the roulette. He takes the audience on a journey into the world of numbers, mathematics and magic. Is it chance, fate, luck, or know-how? I can’t quite connect the word ‚Zeitgeist‘ with gambling. Does he mean that luck is the right number at the right time? Only one person loses this evening. The visitors enthusiastically participate without any risk.

kollektiv hamster brennt. “Keuchende Insekten”„Gasping insects“

Finiteness lies before us. Two women embrace each other and go different paths. However, they agree that it’s about more than just living and dying. A mosquito is not a fly, and a spider is not a bee. All are destined for death. Even though the race in between makes it clear that ‚giving birth to a child‘ is not determined by God, and all the questions that the woman sings like a mantra remain unanswered. The other woman is digging a grave for the small insects that are gifted to us and carried to their resting place in our hands. The breath in between is life itself, I think. Humility and dignity are words I hear as the spectators leave the place.

Sophie Germanier. “rowm nr. two” 

Sophie Germanier arrives fresh and cheerful at the meeting point. She accompanies us to the edge of the forest. ‚You can sit down and stay here,‘ she emphasizes. She dedicates her dance to the earthworm. Her dress was specially tailored to do justice to the worm. ‚Here and not here,‘ she explains to us at the beginning of her homage. The dance starts slowly. The slow-motion movements are delayed and minimal. I am enchanted. Her skin and dress shimmer through the slender trees. She moves away from us, standing, crawling, lying down, disappearing, and returning. Just like an earthworm.

Zafirovska Zorica – “Tea and togetherness talks”

Workshop: Tea and small sweets. Three tables filled with questions. It’s about spaces in the public realm and more. Crossing Point, consuming biodiversity! How is it in your country? Who can use the places? ‚Organic and public place can change you,‘ and ‚We can change the place, support local producers,‘ we write on brown paper, and we are deeply engaged in discussion. The artist urges us to visit other tables as well. Time is too short. We move on to the next performance. How much space does a person need? Louis says, ‚our body is our space,‘ and I add, ‚more is luxury.‘

Julija Castellucci – Sonic Stairs

She descends in spirals from the tower. Her singing—sometimes audible, sometimes subdued in the echo. Suddenly, she appears like a sleepwalker, floating past us and seducing us with her enchanting voice. Facing the sky, the singer seems to go into a trance. These are laments or little prayers lovingly given to the afternoon. Having reached the bottom, the voice strolls through the park, gracefully lying down on the ground, and is photographed hundreds of times.

Red de Tamboreras de SuizaMe gritaron negra„I was shouted black

Six women and a seventh drum the feminist beat and sing. Surrendering without hesitation. Swinging their hips and being infected by the joy of life of the Red Tamboureras Suiza. The leader steps forward: ’soi negra, io soi negra, si soi negra!‘ It’s the emphasis that matters, I think. The choir sings along, and I do too, touched by the infectious women’s power. Themes soaked in sorrow and suffering are conveyed with utmost ease and get under your skin. ‘E viva Victoria Cruz!‘

Ivana Mircevska – “Humanoid synchronic happenstances”

We all sit in the big green meadow. Mirrors—small, round ones scattered everywhere. ‚Close your eyes, visible is the breath surface, mirror viewing in a circle.‘ The performer reads as she walks. A helicopter disturbs all the time. It blurs her words. We can only guess a complete sentence here and there. But we are earnestly focused on the woman presenting. Sometimes, the mirror reflects what we cannot see. For that, we are rewarded: some gifted moments of pause, of becoming still. ‚Do we always have to understand everything?‘ I ask, and my neighbor nods, ‚Yes, I felt the same way.‘

Elsbeth Carolin Iten developed with Dana Iova-Koga – “Generous Residing“

A woman all in white with black shoes stands alone in a small forest. She holds a woven basket. Spectators come from all directions. It’s as if she called us. The artist silently and gracefully distributes elegant envelopes with contents. The letter is typed in beautiful letters. ‚Does this tree feel at home here?‘ We are urged to enter the silence and pay more attention to what we usually see. The woman lures us with a signal and, as if emerging from the earth from afar, a foreign voice speaks: ‚The ending arises…‘

Hristina Ivanoska – “Virginia Was Not Fun At All”

She wears a pink robe, loosely draped over her body, and has four large sacks. She fills them all with stones. She looks like a priestess who knows we will follow her. Her hair is wild and supports her determination. She holds a thick, handwritten book. ‚Like Moses on Mount Sinai,‘ I think. We follow the woman in long strides from here to there. Then to the soccer field! Symbols are laid out with the stones. She sits, stands, and dances in them. ‚Internal voice cannot be avoided,‘ I hear through the howling soccer players.

Saadet TürközNo title

The cameramen aim their cameras at Saadet’s face like cannons. She seeks connection and hisses with devilish sounds. An ode to life. We are with Saadet, sounding with her, sitting and lying down: ‚aaaaaaaaa, oooooooo.‘ The singer plays with her voice in a unique way. She tempts us to come out of ourselves. We beat our chests and drum—what a relief! ‚Dream!‘ ‚Molting!‘ ‚Death!‘ ‚I love your hand that baked the bread,‘ Saadet says when she reaches the ground. These are her last words of the evening, and it was the last performance on this long day.”

Lilian Frei, Zürich 14./15./16. September 2023. On behalf of the 14th PERFORMANCE REIHE NEU-OERLIKON 2023


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